Ein griechisches Schwert: Herstellung und Bedeutung

Ein Griffzungenschwert (Info 1/4)
Das hier im Zentrum stehende Artefakt ist ein 88 cm langes Eisen­schwert, das in einem um 900 v. Chr. datierten Grab in Athen um den Hals einer Amphora gebogen gefunden wurde. Solche Griffzungen­schwerter gab es von der protogeometrischen bis spätgeometrischen Zeit (ca. 1050–700 v. Chr.) in verschiedenen Ausführungen. Ausge­graben im Jahr 1949, befindet sich das Schwert heute, zerbrochen in drei anpassende Fragmente, im Museum der Athener Agora.
Die schmale, relativ dicke Klinge verjüngt sich zur Spitze hin, und weist eine niedrige Mittelrippe auf jeder Seite auf. Beide Kanten waren nicht scharf, was darauf schließen lässt, dass man das Schwert eher als Stich- denn als Hiebwaffe verwendete. Das Heft ist symmetrisch ge­schwungen mit einem Bogen am Ende. Dort war ursprünglich mithilfe von vier Nieten ein Griff in Form von zwei flachen Platten befestigt. Der Griff war vermutlich aus dem vergänglichen Material Holz.

Das Eisenschwert heute,
Athen, Agora-Museum IL 1058.
3D-Modell des Schwerts.

Bildnachweis:
Schwertzeichnung (Wand): Piet de Jong, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens PD 879 (DA 5906); verbogenes Schwert aus Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto: Angelique Sideris, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.02.1922), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Schwertmodell (oben rechts): © Jürgen Süß.
Schwertdarstellungen (Info 3/4)
Das Grab, in dem man das Schwert fand, führt uns in die Zeit um 900 v. Chr. Nach den Brandresten des Leichnams handelt es sich um die Bestattung eines ungefähr 34-jährigen Mannes. Aus dieser Zeit sind weder figürliche Bilder noch schriftliche Zeugnisse der griechischen Kultur erhalten, die uns einen Einblick in die Lebenswelt der damaligen Menschen geben könnten. Spätere Darstellungen, wie auf diesem großen Tongefäß (Krater) aus dem ersten Viertel des 8. Jhs. v. Chr., zeigen jedoch zahlreiche Bilder von mit Schwertern bewaffneten oder kämpfenden Männern (hier rechts an der Wand). Solche Gefäße verwendete man in dieser Zeit als oberirdische Markierungen der Gräber. Auf einen Grabkontext deutet auch die Aufbahrungsszene auf dem Gefäß hin (Abbildung unten). Im Grab stellte man also nicht nur mit den Waffenbeigaben, sondern auch durch die Bilder auf den Ge­fäßen einen Bezug zur Lebenswelt der Männer her. Darin spielten Waffen eine große Rolle.

Aufbahrungsszene auf dem New Yorker Krater.

Bildnachweis:
Griechischer Krater, 8. Jh. v. Chr., New York, The Metropolitan Museum of Art 34.11.2, Foto: © The Metropolitan Museum of Art, New York (
www.metmuseum.org/art/collection/search/253422 , CC0 1.0, Public Domain).
Schwertnutzung (Info 4/4)
Die Bestattung wird oftmals als Grab eines Kriegers angesprochen. Dies legt die Verwendung des Schwertes im Kampf nahe, wie es auch häufig dargestellt wird. Allerdings war für die Männer in der griechischen Früh­eisenzeit (ab ca.1000 v. Chr.) das Tragen von Waffen eine alltägliche Gegebenheit, nicht nur in kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie trugen im Normalfall ein Schwert und zwei Speere bei sich. Die Waffen sind kennzeichnend für eine materiell privilegierte Gruppe, die als Be­schützer der Gemeinschaft galt und wegen dieses Status Vorrechte innehatte. Weil im Grab keine Schutzwaffen, wie beispielsweise Schilde, gefunden wurden, könnte es sich um das Grab eines Mannes der Elite handeln, für den das Schwert ein Zeichen seines sozialen Status bedeu­tete, der aber nicht explizit als Krieger charakterisiert werden sollte.

Bildnachweis:
Detailbild eines geometrischen Kraters, 8. Jh. v. Chr., New York, The Metropolitan Museum of Art 34.11.2, Foto: © The Metropolitan Museum of Art, New York (
www.metmuseum.org/art/collection/search/253422 ,CC0 1.0, Public Domain).
Eisengewinnung und Verarbeitung (Info 2/4)
Zur Herstellung eines Schwertes muss zunächst der Rohstoff Eisen gewonnen werden. In Griechenland wurden generell Roteisenerze und oberflächennahe Brauneisenerze genutzt. Diese Erze konnten in Renn­feuern zu Eisen verarbeitet werden. Ein Schmelzdurchgang dauerte sechs bis zehn Stunden. Anschließend musste das Material bei etwa 700–1500°C und niedrigem Sauerstoffgehalt verhüttet werden, sodass es sich zu festem Eisen reduzierte und die unbrauchbaren Bestandteile als flüssige Schlacke durch eine Öffnung im Ofen ablaufen konnten. Die zurückbleibende Eisenluppe (wie an der Wand gezeigt) wurde durch Schmiedeprozesse bei hoher Temperatur von Verunreinigungen und Einschlüssen bereinigt. Schließlich härtete man es durch mehrere Er­hit­zungsvorgänge mit anschließendem Ausschmieden. Danach konnte das Eisen mit einem Schlaginstrument zum Schwert weiterver­arbeitet werden. Das Erhitzen des Metalls half dabei, es zu formen.
Der Beginn der griechischen Eisenverhüttung und -verarbeitung wird in der geometrischen Periode (ab ca. 900 v. Chr.) gesehen, da Waffen und Geräte aus diesem Material erstmals in der frühgeometrischen Zeit um­fassend nachgewiesen werden können. Das Schwert, um das es im Fol­genden geht, stammt aus eben dieser Anfangszeit. Die Vorteile des neuen Werkstoffs Eisen gegenüber Bronze stellten sich schnell heraus: Seine Härte und Stabilität eigneten sich besonders für Waffen und Ge­räte.

Bildnachweis:
Rennofen (Bild links): nach: F. Neukirchen, Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden. Eine kurze Geschichte der Metalle (Berlin 2016) 70 Abb. 4.1, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Eisenluppe Eisenluppe, Foto (Bild rechts): © Institut für Eisen- und Stahl­technologie, Technische Universität Bergakademie Freiberg.
Verbogen – zerstört – getötet? (Info 2/3)
Den Leichnam des Verstorbenen verbrannte man. Das Schwert lag mit auf dem Scheiterhaufen, weil Eisen durch Hitzeeinwirkung formbarer wird und so um den Hals der Amphora gebogen werden konnte. Dieses Gefäß nahm schließlich auch die Asche des Bestatteten auf. Der Gefäßkörper, der die Asche des Toten beinhaltet und als Ersatz für seinen vergangenen Körper verstanden werden kann, trägt folglich im Grab das Schwert in ähnlicher Weise wie der Bestattete einst das Schwert bei sich getragen hatte.
Das Verbiegen des Schwertes macht es für die konkrete Nutzung unbrauchbar; gleichzeitig ist dies aber auch ein symbolischer Akt, der das „Töten“ des Objekts bedeuten kann. Zerstörungen von Objekten im Rahmen der Bestattung sind in antiken Kulturen nicht selten bezeugt. Ausgehend von der Vorstellung, dass der Besitzer und die Waffe eng zusammen gehören, kann man vermuten, dass Waffen rituell „getötet“ werden, um ihren verstorbenen Besitzern in den Tod folgen zu können. Möglicherweise sollte diese Zerstörung auch verhindern, dass der Tote sie nach dem Tod noch gegen Lebende richten könnte. Die Waffe zu zerstören nimmt sie aber in jedem Fall aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und macht sie dadurch geeignet für symbolische Nutzungen. Letztlich konnte das Schwert nur in dieser Weise verformt in einem solch kleinen Grab beigegeben werden.

Bildnachweis:
Geometrische Amphora mit Eisenschwert aus dem Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand links): Craig Mauzy, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.03.2142), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); zwei Ansichten des Eisenschwertes aus Grab 16:4 in Athen, Agora, Fotos (Wand rechts): Angelique Sideris, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.02.1922 & 2012.02.1921), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Schwertzeichnung: Piet de Jong, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens PD 879 (DA 5906).
Film „Der Weg ins Grab“


Mediennachweis:
Film „Der Weg ins Grab“: © Jürgen Süß.
Das Grab (Info 1/3)
In geometrischer Zeit (900–700 v. Chr.) bestattete man die Toten an verschiedenen Orten in Athen. Viele Gräber fanden sich im Bereich der späteren Agora, des urbanen Zentrums der Stadt Athen – wie auch das Grab, in dem das Schwert lag.
Es besteht aus einer ungefähr rechteckigen Grube (90 x 60 x 90 cm). An derselben Stelle finden sich außerdem die Reste der Verbrennung, die folglich an diesem Ort stattgefunden haben muss. Wie in Athen oftmals bezeugt, vertiefte man anschließend an die Verbrennung ein Loch im Boden und deponierte dort zusammen mit ausgewählten Grabbeigaben die Asche in einer Urne – hier eine Halsamphora. Das zu einem Band gebogene Eisenschwert ist um den Hals bzw. die Schulter der Amphora gelegt. Die Amphora ist mit einem großen Feldstein verschlossen. Weitere Steine decken die Grablege ab. Wegen der Gefäßverzierungen der Grabbeigaben, welche stilistisch in den Übergang zwischen der protogeometrischen und geometrischen Epoche gehören, kann das Grab in die Zeit um 900 v. Chr. datiert werden.

Bildnachweis:
Befundfoto des Grabs 16:4 in Athen, Agora, Foto: Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2004.01.0448), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Grabzeichnung (16:4, Athen, Agora) im Profil: Zeichnung John Travlos, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (1997.20.0034).
Weitere Grabbeigaben (Info 3/3)
Neben der Amphora befanden sich folgende Eisenobjekte: zwei Speer­spitzen, zwei trensenartige Objekte, zwei Messer mit halbmondförmi­gen Klingen und Griffzapfen, ein kleiner Meisel, eine Schlaufe mit Zin­ken und ein großer Meisel, welcher an einen Wetzstein gebunden war. Diese wurden, nachdem sie mit dem Leichnam verbrannt wurden, an­scheinend in Stoff eingewickelt, von dem noch Reste an einem Frag­ment zeugen. Die Objekte, die wohl aus dem Besitz des Toten stamm­ten, behandelte man demnach ähnlich sorgfältig wie den Leichnam und führte sie anschließend in der Grabgrube wieder zusammen. Die Eisen­geräte und -waffen verdeutlichen den Status des Bestatteten und seine Rolle in der Gesellschaft. Hierzu tragen auch die vier unver­brannten Keramikgefäße (Kelch, Kantharos, Weinkanne und Becher) bei, die man ihm ebenfalls beigab. Sie dienten alle als Gefäße für den Weinkon­sum, der vor allem in der elitären Gemeinschaft der Männer gepflegt wurde.
In den Brandresten sind Fragmente verbrannter und unverbrannter Ke­ramik, Holzkohle und verkohlte Feigen und Trauben enthalten, die ei­nen Einblick in den Grabritus geben. Offenbar verbrannte man nicht nur persönliche Gegenstände des Verstorbenen, sondern auch Früchte und Gefäße. Dies ist auf verschiedene mögliche Aktivitäten der Be­stattungs­zeremonie zurückzuführen, wie etwa Begräbnisfeiern oder Trank- bzw. Speiseopfer. Feigen wurde auch eine reinigende Wirkung nachgesagt.

Bildnachweis:
Geometrische Keramik aus Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand rechts): Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2000.02.0800), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Metallgegenstände aus dem Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand links): Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.52.1407), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations).