
Ein griechisches Schwert: Herstellung und Bedeutung
Den Leichnam des Verstorbenen verbrannte man. Das Schwert lag mit auf dem Scheiterhaufen, weil Eisen durch Hitzeeinwirkung formbarer wird und so um den Hals der Amphora gebogen werden konnte. Dieses Gefäß nahm schließlich auch die Asche des Bestatteten auf. Der Gefäßkörper, der die Asche des Toten beinhaltet und als Ersatz für seinen vergangenen Körper verstanden werden kann, trägt folglich im Grab das Schwert in ähnlicher Weise wie der Bestattete einst das Schwert bei sich getragen hatte.
Das Verbiegen des Schwertes macht es für die konkrete Nutzung unbrauchbar; gleichzeitig ist dies aber auch ein symbolischer Akt, der das „Töten“ des Objekts bedeuten kann. Zerstörungen von Objekten im Rahmen der Bestattung sind in antiken Kulturen nicht selten bezeugt. Ausgehend von der Vorstellung, dass der Besitzer und die Waffe eng zusammen gehören, kann man vermuten, dass Waffen rituell „getötet“ werden, um ihren verstorbenen Besitzern in den Tod folgen zu können. Möglicherweise sollte diese Zerstörung auch verhindern, dass der Tote sie nach dem Tod noch gegen Lebende richten könnte. Die Waffe zu zerstören nimmt sie aber in jedem Fall aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und macht sie dadurch geeignet für symbolische Nutzungen. Letztlich konnte das Schwert nur in dieser Weise verformt in einem solch kleinen Grab beigegeben werden.
Bildnachweis:
Geometrische Amphora mit Eisenschwert aus dem Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand links): Craig Mauzy, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.03.2142), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); zwei Ansichten des Eisenschwertes aus Grab 16:4 in Athen, Agora, Fotos (Wand rechts): Angelique Sideris, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.02.1922 & 2012.02.1921), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Schwertzeichnung: Piet de Jong, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens PD 879 (DA 5906).
Mediennachweis:
Film „Der Weg ins Grab“: © Jürgen Süß.
In geometrischer Zeit (900–700 v. Chr.) bestattete man die Toten an verschiedenen Orten in Athen. Viele Gräber fanden sich im Bereich der späteren Agora, des urbanen Zentrums der Stadt Athen – wie auch das Grab, in dem das Schwert lag.
Es besteht aus einer ungefähr rechteckigen Grube (90 x 60 x 90 cm). An derselben Stelle finden sich außerdem die Reste der Verbrennung, die folglich an diesem Ort stattgefunden haben muss. Wie in Athen oftmals bezeugt, vertiefte man anschließend an die Verbrennung ein Loch im Boden und deponierte dort zusammen mit ausgewählten Grabbeigaben die Asche in einer Urne – hier eine Halsamphora. Das zu einem Band gebogene Eisenschwert ist um den Hals bzw. die Schulter der Amphora gelegt. Die Amphora ist mit einem großen Feldstein verschlossen. Weitere Steine decken die Grablege ab. Wegen der Gefäßverzierungen der Grabbeigaben, welche stilistisch in den Übergang zwischen der protogeometrischen und geometrischen Epoche gehören, kann das Grab in die Zeit um 900 v. Chr. datiert werden.
Bildnachweis:
Befundfoto des Grabs 16:4 in Athen, Agora, Foto: Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2004.01.0448), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Grabzeichnung (16:4, Athen, Agora) im Profil: Zeichnung John Travlos, Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (1997.20.0034).
Neben der Amphora befanden sich folgende Eisenobjekte: zwei Speerspitzen, zwei trensenartige Objekte, zwei Messer mit halbmondförmigen Klingen und Griffzapfen, ein kleiner Meisel, eine Schlaufe mit Zinken und ein großer Meisel, welcher an einen Wetzstein gebunden war. Diese wurden, nachdem sie mit dem Leichnam verbrannt wurden, anscheinend in Stoff eingewickelt, von dem noch Reste an einem Fragment zeugen. Die Objekte, die wohl aus dem Besitz des Toten stammten, behandelte man demnach ähnlich sorgfältig wie den Leichnam und führte sie anschließend in der Grabgrube wieder zusammen. Die Eisengeräte und -waffen verdeutlichen den Status des Bestatteten und seine Rolle in der Gesellschaft. Hierzu tragen auch die vier unverbrannten Keramikgefäße (Kelch, Kantharos, Weinkanne und Becher) bei, die man ihm ebenfalls beigab. Sie dienten alle als Gefäße für den Weinkonsum, der vor allem in der elitären Gemeinschaft der Männer gepflegt wurde.
In den Brandresten sind Fragmente verbrannter und unverbrannter Keramik, Holzkohle und verkohlte Feigen und Trauben enthalten, die einen Einblick in den Grabritus geben. Offenbar verbrannte man nicht nur persönliche Gegenstände des Verstorbenen, sondern auch Früchte und Gefäße. Dies ist auf verschiedene mögliche Aktivitäten der Bestattungszeremonie zurückzuführen, wie etwa Begräbnisfeiern oder Trank- bzw. Speiseopfer. Feigen wurde auch eine reinigende Wirkung nachgesagt.
Bildnachweis:
Geometrische Keramik aus Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand rechts): Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2000.02.0800), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations); Metallgegenstände aus dem Grab 16:4 in Athen, Agora, Foto (Wand links): Agora Excavations, American School of Classical Studies, Athens (2012.52.1407), Ephorate of Antiquities of Athens City, Ancient Agora Museum (© Hellenic Ministry of Culture and Sports – Archaeological Receipts Fund / American School of Classical Studies at Athens: Agora Excavations).